/ kurzgeschichte

Die Flut

Schreibblockade. Der erste Tag nach der Flut und ich kann nicht schreiben.

Eben noch haben wir gespannt zugesehen, wie sich die schwere Ladeluke auf den noch fast überfluteten Boden öffnete, mit einem Klatscher, den ich mein ganzes Leben nicht vergessen werde, und sind an Land gegangen, die majestätische Arche hinter uns. Ihr gesamter Bug ist mit einer Schicht aus seltsam schimmernden Schuppen überzogenm wie ich sie noch nie in meinem Leben gesehen habe.

Ihr Schimmer sticht mir in die Augen und ich drehe mich um, sehe auf das Land vor meinen Füßen. Wir sind in einem breiten Tal gestrandet, links und rechts türmen sich Berge auf, die mit grimmigen Augen auf uns herabsehen.

Obwohl ich diese Berge für Spione halte, bin ich glücklich, endlich wieder die Erde zu berühren und zu wissen, dass hier mein neues Zuhause sein wird. Langsam, zögernd, wende ich mich wieder der Arche zu und sehe, dass einige Männer schon dabei sind, Material die Rampe herunter zu tragen. Immer mehr kommen dazu. Ich sehe dabei zu, wie aus dem leeren, schlammig-überwuchernden Platz innerhalb weniger Stunden eine Baustelle, ein Markt, ein Aufenthaltsort wird, ein Dorf ohne Häuser.

Ich setze mich auf einen der Klappstühle, die aus dem Bauch der Arche verteilt wurde, abseits der Hektik und versuche die Szenerie zu beschreiben. Doch nicht ein einziger Buchstabe wagt sich auf das Papier, stattdessen kritzele ich vor mich hin, porträtiere die finsteren Berge, denke mir seltsame Sprache mit fremden Zeichen aus, spiele Tic-Tac-Toe mit mir selbst.

Nach gefühlten 5 Minuten merke ich, dass ich mein Notizbuch nicht mehr sehe und blicke auf.

Die Sonne ist unter gegangen, ein riesiges Lagerfeuer ist angezündet worden und die Menschen aus meinem Bezirk sitzen zusammen in einem Kreis aus weißen Klappstühlen um die tanzenden Flammen herum. Rundum gibt es Essensstände, heiße Getränke werden ausgeschenkt, man redet und lacht.

Ich klappe meinen Stuhl zusammen, stecke das Notizbuch in meinen Rucksack und laufe schwankend und unbeholfen hinüber zum großen Feuer.