/ kurzgeschichte

Traumfänger

"Du hast von mir geträumt, oder?" - Es ist eher eine Feststellung als eine Frage. Sie lächelt nicht, sieht mich nur an.

Ich sitze in der Küche am Tisch, vor mir eine bereits kalte Tasse Tee und ein Buch, dem ich, seit es dort liegt, keine Aufmerksamkeit geschenkt habe. Draußen regnet es - wie so oft in letzter Zeit - und der abendliche Herbstwind heult um das Haus. Sie sitzt mir gegenüber, mit übereinander geschlagenen Beinen und einem unergründlichen Blick. Ihr kastanienbraunes Haar schlängelt sich an ihren Ohren entlang, hinunter zum Hals und darüber hinaus.

Mein Schulterzucken ist unecht, ich weiß, dass sie Recht hat. In gewisser Weise kennt sie mich besser als ich mich selbst. "Natürlich habe ich von dir geträumt.", gestehe ich ihr ein, dass sie mich längst durchschaut hat. "Ich träume nur noch von dir."

Ich schaue aus dem Fenster, sehe den Regentropfen zu, sie spielt gedankenverloren mit einer Haarlocke. Wir lauschen beide dem Orchester der Elemente.

"Was träumst du?", fragt sie nach einer Weile des Schweigens.

"Keine Ahnung. Ich kann mich nicht erinnern. Normalerweise habe ich wenigstens ein paar unzusammenhängende Bilder im Kopf. Nur bei dir.."

Ich stocke.

"Bei dir ist es weniger. So als ob ich dich für einen kurzen Moment in einer Menschenmenge gesehen hätte. Nein, noch weniger. Es ist nicht mehr als eine Ahnung, ein Schatten eines Gedankens."

"Erzähl' es mir."

"Da gibt es nichts zu erzählen. Wie gesagt, ich erinnere mich nicht.", antworte ich und in meiner Stimme mischt sich Trauer und Bedauern.

Ich erinnere mich. Ein paar Fetzen sind auch aus diesen Träumen übrig geblieben. Doch es gibt Dinge, die nicht einmal sie weiß. Dinge, die ich in einem kleinen Zimmer in meinem Kopf verwahre. Es liegt abseits von allen anderen und wird selten besucht. Diese Dinge sind der Schlüssel zu vielen anderen Türen, die ich vor langer Zeit verschlossen und vergessen habe, was dahinter liegt. Ob gut oder schlecht, traurig oder glücklich..

"Du bist ein schlechter Lügner, mein Lieber.", reißt sie mich aus meiner Träumerei. Ihr Lächeln sieht jetzt gefährlich aus und es sagt: "Es bringt nichts mir etwas vorzumachen. Ich kenne jedes einzelne deiner Zimmer. Ich weiß, was du hinter jeder Tür zu verstecken versuchst. Aber nicht vor mir. Ich bin dort gewesen. Ich habe alles gesehen."

"Die Tatsache, dass du mir etwas verheimlichst, bedeutet, dass du dir selbst nicht vertraust und das ist.."

In ihren Augen lodert Wut und Abscheu.

"..erbärmlich. - Auf nimmer Wiedersehen. Ich habe genug von dir."

Sie erhebt sich und verlässt mein Haus, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen.

Nach ein paar Stunden hat der Regen aufgehört und der Mond wirft etwas Licht durch mein Fenster auf den Platz an dem sie saß. Ich habe ein paar jämmerliche Tränen geweint und den kalten Tee heruntergekippt, nur um etwas zu tun. Um nicht daran denken zu müssen, dass sie fort ist und nicht wieder kommen wird. Dass sie nur in meinem Kopf existierte, macht die Situation nur hoffnungsloser.