Fragmente

I

Die Wolken ziehen leise über die Stadt und lösen sich schließlich auf. Die Reflexionen des Wassers überall, wo vor ein paar Minuten noch der Regen gewütet hat, sind unbeschreiblich und treiben die Menschen aus ihren Häusern. Sie wandern durch die Stadt, springen in Regenpfützen herum, umarmen sich und betrachten fasziniert ihre Spiegelbilder im Wasser. Begegnen sie einander, grüßen sie sich herzlich, mit dem größten Lachen auf dem Gesicht, das selbst der Alltag nicht wegwischen könnte.

In meiner Wohnung ist nichts davon zu sehen, weil sie kein Fenster hat, in das sich die Sonne traut wirklich herein zu scheinen; das Küchenfenster ist eine Ausnahme, dort besucht sie mich von Zeit zu Zeit. Dann sitze ich dort, trinke Tee mit Butter und plaudere mit ihr über dies und das, und wenn sie mich verlässt, weil sie Dringendes zu tun hat, bleibe ich manchmal noch Stunden im Schatten sitzen und blicke ihr nach.

Auf der engen Gasse vor dem Haus glänzen die Pflastersteine, nass vom Regen. An der Hauswand gegenüber rinnt der letzte Dreck herunter , den der Regen aus den Ritzen gespült hat. Die Sonne malt vorsichtig einige Tupfer Licht auf das Küchenfenster. Sie vermischen sich mit den Regentropfen und sichern durch das Glas, laufen über das Fensterbrett auf den Küchentisch. Wie in einem See laufen sie zusammen, denke ich, obwohl der Tisch gerade wie.. .. Als mir kein passender Vergleich einfällt, erinnere ich mich daran, die Tischplatte beim Einzug hier mit der Wasserwage abgemessen zu haben und keine Wölbung nach innen bemerkt zu haben. Wieder stehe ich den Lichtsee auf dem Tisch an, der inzwischen größer geworden ist. Von meinen früheren Beobachtungen weiß ich, dass er nie überlaufen wird, sondern kurz davor wieder schrumpft.

Ich setze Wasser auf und werfe einen Blick in die Tee-Dose und merke, dass sie schon fast wieder leer ist. Dann nehme ich einen Dartpfeil vom Bord unter der Dartscheibe, auf die mit Edding Lebensmittel geschrieben sind und werfe. Der Pfeil bleibt in der Mitte irgendwo zwischen Whisky und Taschentücher stecken. Ich sollte mich lieber entscheiden, denke ich und lache kurz auf. Immerhin steht Tee im 1er Feld und 20er Feld. Oder ich sollte die Dartscheibe umschreiben, damit ich öfter Tee einkaufen kann. Ich bin mir nicht einmal sicher, wieso Whisky dort steht. Ich mag keinen Whisky und Taschentücher benutze ich nicht. Die Gläser meiner Brille beschlagen vom Wasserdampf, der die Küche zu sprengen droht. Lieber hätte ich ein durchdringendes Pfeifen gehört, kopfschüttelnd kippe ich den letzten Rest Tee in das Sieb und gieße das Wasser darauf.

Als ich den Kühlschrank öffne,  erwartet mich das übliche Bild: Im oberen Fach liegen einige Packungen Butter und Milch. Darunter liegt meine Sammlung von Eisblumen. Ich sammle sie in kalten Nächten, wenn ich nicht schlafen kann oder nachdenken muss. Oder auf Spaziergängen, wenn der Wind die Bäume ärgert, ihre Blätter durchweht, ihre Zweige zappeln lässt. Wenn die Vögel heiser vom Sommergezwitscher sind und in den Süden fliegen. Wenn man zuhause an der Heizung sitzt, ein Buch mit vorweihnachichen Plätzchen verschlingt und Kakao trinkt. Dann streife ich durch den Wald und über die Felder, hier und da, dort und nirgendwo und sammle Eisblumen..

Ich schrecke auf und schlage hastig die Kühlschranktüre zu. Ich muss wohl einige Minuten in einen Tagtraum versunken sein. Zerstreut öffne ich den Kühlschrank erneut, blicke kurz orientierungslos hinein und nehme dann ein angefangenes Päckchen Butter heraus. Mit einem Messer schneide ich ein Stück ab und lasse es in den dampfenden Tee plumpsen. Schon verbreitet sich der wohlbekannte Duft in der Küche, der mich schon oft durch lange, triste Nachmittage ohne Sonne, ohne Gefühle, ohne Wärme gebracht hat, durch Regentage, an denen ich keine Eisblumen sammeln konnte, durch verschneite Winterwochen, die mir wie eine unendliche Kette von leeren Räumen vorkamen. Ich nehme einen Topfhandschuh, der noch auf dem Herd liegt und trage vorsichtig meine Tasse Tee, in der sich die Butter inzwischen aufgelöst hat an den Tisch. Dort angekommen setze ich mich langsam und vorsichtig auf den Stuhl und atme tief ein.

Die Stille ist vollkommen, kein Laut dringt durch mein Fenster oder von einer Nachbarswohnung herüber. Ich kann beinahe den Tee dampfen hören, hören wie die Butter den Tee tränkt. Nach einer Weile andächtigen Lauschens dringt das Ticken der Uhr durch die Stille zu mir und ich erwache wie aus einem Schlaf oder einer Hypnose. Auf einmal sind wieder die Autos von draußen zu hören, in der Wohnung nebenan läuft der Fernseher, die Zeit läuft weiter. Seufzend nehme ich die heiße Tasse in die Hand und obwohl ich mir die Finger und den Mund verbrenne, nehme ich einen tiefen Schluck, genieße den Tee, vermischt mit Butter und Schmerz.

II

Ein unbändiges Feuer  breitet sich in meinem Körper aus, dringt  bis in die Fingerspitzen, füllt meinen Körper mit behaglichen Gedanken und Gefühlen und erinnert mich mit unbegreiflicher Intensität, dass ich lebe.

Als meine Kanne leer ist und ich etwas enttäuscht dem letzten Rest Tee hinterher blicke, ist es bereits Abend. Die Kälte scheint von draußen ins Fenster und die ersten Sterne krabbeln über den Himmel und leuchten, als ob sie leben scheinen würden. Menschen sind nicht mehr viele unterwegs, die Straßen sind kalt. Ich versuche einen Blick auf den Mond zu erhaschen, denn heute ist Vollmond. Vollmond bedeutet mir viel, ich mag ihn fast noch lieber als die Sonne. Eine weiße Kugel, die in der Nacht über alle einsamen wacht. Über die, die nicht hier hinein passen, die die Welt ausgespuckt hat, wie einen harten Kirschkern, auf den man gebissen hat...

Eine Träne hat sich aus meinem Auge die Wange herunter gestohlen und mich wieder aufgeweckt, als sie auf dem Tisch tropft. Der Aufschlag ist ohrenbetäubend, nach der Stille meiner Gedanken. Hastig wische ich das Salzwasser aus meinem Gesicht und blinzele.

Ich stehe auf und wate durch die Stille, die sich in den Stunden um mich angesammelt hat. Aus einer Pappkiste unter der Dartscheibe sammle ich eine Streichholzschachtel und eine einige Teelichter, zünde sie auf der Fensterbank an und werfe das rauchende Streichholz (achtlos) zurück in die Kiste.

Dann setze ich mich wieder vor meine leere Tasse und beobachte, wie die tanzen Flammen mit Feuereifer Wachs und Zeit verbrennen.

III

3 Stunden später knurrt mein Magen. Wenn mich meine Uhr nicht betrügt, ist es bereits kurz vor Mitternacht. Ich pflege sonst immer früher ins Bett zu gehen, weil ich morgens früh aufstehen muss und Übermüdung das Aufstehen nicht gerade erleichtert. Ich erinnere mich, dass in meiner Tiefkühltruhe im Keller noch einige Tiefkühlpizzen warten und setze mich in Bewegung. Aus der Küche. Durch den Flur. Der Haustürschlüssel steckt im Schloss. Umdrehen. Den Riegel zurückschieben, der mich vor Eindrinlingen bewahren soll. Ins Treppenhaus.

Durch ein kleines Fenster mir gegenüber schaut mich freundlich lächelnd der Mond an. "Guten Abend", flüstere ich, um keinen meiner Nachbarn zu wecken und nähere mich der Treppe. Obwohl ich diese Treppe schon unzählige Male herab und hinauf gestiegen bin, habe ich keine Vorstellung davon, wie viele Stufen sie hat. Unzählige mal habe ich versucht sie zu zählen und bin jedes Mal gescheitert. Einmal bin ich in beim zählen in einen Traum versunken und wäre beinahe die Treppe herunter gestürzt. Ein anderes Mal habe ich mich verzählt, denn mehr als 10.000 Stufen hat diese Treppe nicht, auch wenn ich im 6. Stock wohne. Dieses Mal konzentriere ich mich. Langsam betrete ich die erste Stufe..

Eins..

Zwei..

Drei..

Vier..

Fünf..

Mein Magen grummelt und ich schrecke auf. Ich wollte Pizza holen. "Wieder nichts", denke ich enttäuscht und konzentriere mich nun ganz darauf eine Pizza aus dem Keller zu holen, möglichst schnell. Ich gehe schneller, fange an zu Laufen, schneller, hüpfe von Stufe zu Stufe und versuche wärenddessen keinen Lärm zu machen, während ich die Treppe herunter haste, um dem Schreien und Schimpfen meines Magens zu entkommen. Unten angekommen merke ich, dass ich die Angst vergessen habe. Die Angst die mich sonst immer beim Herabsteigen der Treppe in den Keller beschleicht, mir langsam und gefühlvoll den Rücken heraufkriecht. Diese Angst springt mich nun wie ein tollwütiges Raubtier an. Ich beginne zu wanken und sacke dann kraftlos zu Boden. Zitternd versuche ich mich am Treppengeländer abzustützen, doch meine Hände gleiten ab, ich stütze mich noch auf dem Boden ab, bevor ich entgültig umfalle. Wie ein Käfer auf dem Rücken liege ich auf dem kalten, verdreckten Fliesenboden, meine Arme und Beine angezogen, hilflos.

Meine Augen starren angsterfüllt die Tür an, hinter der mein Keller liegt, gefüllt mit Nebel, Dunkelheit und furcherregenden Kreaturen, die nachts herauskommen, die Treppe heraufklettern und meine Träume durchwildern. Sie kennen sicher die Anzahl der Treppenstufen, die sie Nacht für Nacht hinaufsteigen. Ich könnte sie fragen, überlege ich, aber der Gedanke geht unter in dem Weiß, das anfängt, meinen Kopf zu erfüllen, ich will um Hilfe schreien, aber der Schrei verhallt ungegehört in meiner Traumwelt. Der Keller löst sich auf, und an seiner Stelle kann ich ein Meer von Wolken sehen. Milliarden von weißen Wolken..

IV

Wolken, soweit das Auge reicht. Wolken, Wolken, Wolken, Wolken. Über den Himmel ziehen nur vereinzelt ein paar, der Boden aber besteht durchgehend aus ihnen. Sie sind weich und flauschig, aber gerade fest genug zum Laufen. Ich gehe ein paar Schritte, bleibe stehen und gehe wieder ein paar. Probeweise springe ich ein paar Zentimeter in die warme Luft. Meine Füße sacken ein und werden sanft wieder nach oben getragen. Ich springe, so hoch ich nur kann und strecke meinen Körper aus. Als ich auf dem Rücken lande, sacke ich erneut ein und werde wieder nach oben getragen. Ich bleibe liegen und suche die Sonne. Doch es gibt keine Sonne. Ein gleichmäßiges Licht strahlt von überallher, nicht zu stark und nicht zu schwach. Ich jauchze vor Freude und Zufriedenheit und rolle auf dem Wolkenboden umher. Dann springe ich auf und renne. Ich renne schreiend vor Glück über das Wolkenfeld, dem Nichts entgegen, mich vom Nichts immerweiter entfernend, im Nichts laufend. Die Wolken unter meinen Füßen gegen sanft nach, als ich über sie presche, ausgelassen lachend. Es scheint mir, als ob am Horizont eine Bergreihe zu erkennen ist, aber der Wolkenboden  geht nahtlos in den Himmel über und ich renne weiter, immer weiter, bis mir die Puste ausgeht. Keuchend und lachend halte ich an. Als ich mich umsehe und alles aussieht wie vorher, als ich losgerannt bin, muss ich noch mehr lachen, biege mich vor Lachen und muss mich auf den Wolkenboden setzen, um nicht umzufallen.

Nach einer Weile habe ich wieder gefangen und fange an, meine Gedanken aufzusammeln, die überall um mich herum verstreut liegen. "Wo bin ich?" stecke ich zusammen mit einigen anderen kritischen Gedanken, Fragen und Thesen in meine Hosentasche, sie würden die schöne Idylle zerstören. Dort liegt ein Gedanke, der wie ein Memo aussieht, und mit "Glück" betitelt ist. Ich hebe ihn auf und knabbere daran. Ein süßlicher Geschmack verwöhnt meine Zunge zwingt mich dazu, mir den ganzen Gedanken in einem Stück in den Mund zu stecken. Ein warmes Gefühl macht sich breit, wie von Butter-Tee, nur 10mal so stark. Mein Kopf fühlt sich seltsam leicht an und ich kuschle mich in die Wolken, um in einen langen Schlaf voller glücklicher Träume zu treiben.

V

Nach ein paar Stunden, es könnten auch Jahre oder Unendlichkeiten gewesen sein, wache aus einem weichen, in Zufriedenenheit und Glück gebetteten und ungestörten Schlaf auf Wolken wieder auf. Die unsichtbare Sonne scheint untergegangen zu sein und hat den Himmel tiefblau gefärbt. Als ich die Augen öffne, sitz neben mir ein kleines Mädchen mit langem, schwarzen Haar. Sie ist vielleicht 15 Jahre alt und spielt auf einer schwarzen Querflöte eine seltsame Melodie. Ganz in weiß gekleidet sitzt sie im Schneidersitz und spielt. Die Melodie findet den Weg in mein Ohr und breitet sich langsam in meinem Kopf aus. Es ist eine traurige Melodie und in meinem Kopf wird es kalt, die Gedanken erstarren zu Eiszapfen. Als sie mein Zittern spürt, setzt das Mädchen die Lippen ab und sieht in meine Augen. Tief hinein, sie errät meine größten Geheimnisse und findet meine kleinsten Träume. Sie beginnt zu singen, ein seltsames Gedicht mit zarter Stimme, eine Stimme, die die Kälte aus mir herraussaugt und nichts als Leere zurücklässt.

Weiß, weiß, ist alles was du hast,

Weiß, weiß, ich hab dich fast,

Weiß, weiß, wenn du dich versteckst,

Weiß, weiß, ich hab dich schon entdeckt.

Werde weiß, werde weiß,

Selbst der schwarze Tod ist bleich,

Werde weiß, werde weiß,

Komm mit in mein Reich.

Komm mit wenn du kannst,

Wenn du kannst, werde weiß..

Als das letzte Wort, verklungen ist und traurig schwebend seinen Weg in den Himmel gefunden hat, der inzwischen mit hochaufgetürmten, grauen Regenwolken verhangen ist, steht sie auf und geht. Sie geht einfach und ist nach 3 Schritten verschwunden. Ich sehe mich um und bemerke, dass es noch dunkler geworden ist, die Wolken am Himmel verdecken das allgemeine Licht, das sonst die Wolkenwelt beleuchtet. Selbst die Wolken am Boden sind grau und fleckig. Es beginnt zu regnen und ich stehe auf. Beginne zu laufen. Wohin? Weg. Schon nach 5 Minuten wird der Regen stärker und durchnässt mich durch und durch. Das Wasser prasselt auf mich herab und verwandelt die Wolken am Boden in eine glitschige Masse, auf der ich immer wieder ausrutsche. Ich beginne zu rennen. Falle hin, springe wieder auf und renne. Wohin? Nur weiter. Nur fort von hier. Der Regen gleicht nun einem Orkan, ich schliddere über die Wolkenmasse. Nur fort von hier.

Da sehe ich in der Ferne sie. Das Mädchen mit der Querflöte, am Horizont als schwarzer Punkt. Es sind ihre Haare, die so leuchten. Ihr Gewand ist grau und nass vom Regen, doch die Haare funkeln in blendender Schwärze. Ich renne auf sie zu, aber komme ihr nicht näher. Wie ein Stern steht sie an dem Punkt, an dem ich den Horizont vermute, unbewegt und doch unerreichbar.

Ein lautes Krachen hinter mir, wie zerbrechendes Eis. Eine Vorahnung beschleicht mich und ich blicke auf den dahinrasenden Boden unter mir. Die Wolken am Boden sind zu Eis erstarrt und  brechen nun hinter mir mit Getöse zusammen. Ich versucht schneller zu laufen, doch stattdessen rutsche ich aus und pralle bäuchlings auf das Wolkeneis, rutsche noch ein paar Meter..

.. doch anstatt langsamer zu werden und vom Rachen des berstenden Eises verschluckt zu werden, werde ich immer schneller. Mit stetig wachsender Geschwindigkeit rase ich über das Eis, der Regen prasselt wütend auf mich ein und peitscht mir ins Gesicht. Wolkenmatsch spritzt um mich herum auf, reißt mir die bei dem Sturz auf das Eis zerbrochene Brille vom Gesicht. Ich hebe den Kopf, so gut ich kann, um einen Blick auf das Mädchen zu erhaschen, durch das Chaos von Wasser und Schnee. Noch immer schliddere ich in ihre Richtung, die Arme schmerzhaft fest an das Eis gepresst in dem Versuch, irgendwie meine Geschwindigkeit zu verringern. Und obwohl meine Handflächen aufgerissen und blutige Schlieren auf dem Eis hinterlassen, bevor es wie von unsichtbarer Hand zerrissen wird, drücke ich sie fester auf die Graue Bahn, die von Unebenheiten und scharfen, hervorstehenden Eiskristallen übersäht ist.

Dann ist sie weg. Das Mädchen ist verschwunden. Von einer Sekunde auf die andere  verschwimmt die Welt von kontrastgeschütteltem Schwarz-Weiß in ein gleichmäßiges, rauschendes Grau. Ohne Farben, ohne Kontraste, ohne Sicht, ohne Schmerz, der Schmerz, der mit mir gegen den Regen und das brechende Wolkeneis gekämpft hat, ist verschwunden. Die Gefühlslosigkeit überflutet mich von innen heraus, zirkuliert in meinen Adern und staut sich in meinem Kopf.

Mir wird schwarz vor Augen.

Weiß vor Augen.

Ich versinke.

Vergessen.

Leere.

VI

Nachdem mein Schrei verklungen ist, der an meinem Körper wie ein Erdbeben an einem Haus rüttelte, liege ich ruhig auf dem Kellerboden lausche meinem Atem. Es ist dunkel, aber die Umrisse des Treppenhauses sind klar erkennbar. Ich taste nach meiner Brille und setze sie wieder auf. Dann stehe ich langsam auf und krame in meiner Tasche nach dem Schlüssel zu meinem Keller. Der Schlüssel dreht sich im Schloss und meine Hand öffnet die Tür, tastet nach dem Lichtschalter und füllt den Raum mit weißen Neonlicht. Meine Füße bewegen sich in Richtung Tiefkühltruhe, ich öffne seine Tür und nehme die Pizza heraus. Ich sehe mir zu, wie ich den Keller verlasse und die Treppe heraufsteige.

Die Treppe knarrt lauter als sonst, das ist einzige was mir auffällt. Auf der Höhe des dritten Stocks sehe ich durch ein Fenster den Kirchturm. Er ist angeleuchtet, weil heute eine Mitternachtsmesse stattfindet. Als ich auf die Uhr sehe, wird mir klar, dass ich insgesamt nur etwa drei Minuten auf dem Boden des Kellers lag. Das bringt mich zum Nachdenken.  Ich überlege, wie ich den Albtraumhaften Ausflug in die Wolkenwelt einordnen soll. Das weiße Meer aus Luft, das sich mit einem Mal in ein Inferno aus Wolkeneis und Wasser verwandelt hat. Vor meinen Augen erscheint das Mädchen mit ihren langen schwarzen Haaren. In ihrem weißen Gewand steht sie da, im weißen Nichts und schaut aus meinem Kopf heraus. Direkt ins Treppenhaus. Direkt in mein Leben. Ihr Blick brennt in meinen Augen und ich schließe sie. Doch das Mädchen steht noch immer da. Verzweifelt öffne ich meine Augen wieder. Ich stehe immer noch im Treppenhaus im dritten Stock, die Pizza ist mir aus der Hand geglitten. Ich hebe sie auf und blicke mich um. Jetzt ist das Mädchen verschwunden, der Mond scheint noch immer und beobachtet mich mit einem belustigten Blick. Dann wir seine Miene ernst:

"Ich habe dich gesehen. Ich habe dich gehört. Wieso musstest du durch das Weiße Tor gehen? Du warst du Tod sehr nahe."

Er macht eine Pause, und sieht mich dabei an. Ich blicke betreten auf den Boden.

"Du willst doch leben, nicht wahr?"

Mit gequältem Blick sehe ich ihn an. Darauf weiß ich keine Antwort. Obwohl der Mond wie ein Vater für mich ist, will ich seine Ratschläge öft nicht hören.

Wie konnte ich wissen, dass die Geschichte so endet, flüstere ich. Mit vorwurfsvollem Blick will der Mond zur Antwort ansetzen, aber ich bin schon im Schatten der Treppe verschwunden.

VII

Als ich meine Wohnung betrete, empfängt mich eine Wohlige Wärme, die Küchenuhr grinst mich schelmisch. "Wo hast du dich nur wieder herumgetrieben? Du warst ja ziemlich durchnässt, als du aus der Wolkenwelt geschliddert bist, kichert sie. Ich verdrehe die Augen: "Das geht dich garnichts an" Trotzdem grinse ich, als ich die Pizza in den Kühlschrank lege, vorsichtig schiebe ich einige Eisblumen beiseite und lege den Karton in die untere Hälfte des Kühlschranks. Dann schalte ich das Licht aus und gehe in mein Schlafzimmer. Es besteht aus einem alten Bett aus dunkelbraunem Holz. Der ebenfalls dunkelbraune Schrank ist fast leer. Auf einem Brett liegen meine wenigen Kleider. Auf einem anderen zwei alte Telefonbücher mit getrockneten Eisblumen und mein Eisblumenalbum, in dem ich meine schönsten Exemplare sammle. Als ich den Schrank öffne, fällt mein Blick darauf und bleibt wie zufällig darauf liegen. Vorsichtig nehme ich das in Leder gebundene Buch aus dem Schrank und schließe ihn. Ich lege das  Buch auf mein Bett und setze mich daneben. Das Bett knarrt: "Geh ins Bett, du Wicht!" Es murmelt und flucht noch einige undeutliche Worte, doch ich beachte es nicht und öffne das Buch. Ein frostig-süßlicher Geruch stömt mir entgegen und hüllt mich ein, setzt sich in meiner Nase fest und erobert meine Sinne. Ohne auch nur einen Blick auf die Blumen geworfen zu haben, sinke ich zurück und lasse mich auf das Bett fallen. Die Matraze fühlt sich wie ein Meer aus Wolken an. Zuckerwatte-weiche Wolken. Wolken, die erstarren, zu Eis werden. Regen, Gewitter. Dunkelheit.

Hastig reiße ich die Augen auf und werfe die Hände vor den Mund um den Schrei zu unterdrücken, der sich den Weg aus meiner Kehle bahnt. Zitternd liege ich auf meinem Bett, die Hände noch immer vor den Mund gepresst und warte darauf, dass es aufhört. Als nach einigen Minuten nichts passiert ist und das Zittern nachlässt, nehme ich vorsichtig die Hände von meinem Mund. Ein schwache, heiserer/gurgelnder zwängt sich aus meiner Kehle. Mein Eisblumenalbum ist aus meiner Hand auf den Boden gefallen. Ich erhebe mich und hebe es auf, schaue es an und unterdrücke den Impuls, es an der Wand zerschellen zu lassen. Lege es wieder auf den Boden, ein Nachttisch ist nicht in Sicht. Dann schlafe ich auf meinem Bett ein.

VIII

Der Schlaf nimmt mich bei der Hand und führt mich durch weite, graue Wiesen, die im Nebel ertrinken, durch schwarze Wälder voller wilder Tiere und noch wilderen Träumen, durch Dunkelheit und Leere, wo die Zeit stillsteht, hinauf in lufitge Höhen, über die Wolken, von den Strahlen der Sonne gekitzelt und wieder. Er lässt mich im vollen Menschenleben stehen und sagt zu mir: "Geh, finde deinen Weg", bevor er im Gedränge der Massen verschwindet. Ich sehe mich um, suche etwas, kann es nicht finden, stolpere durch das Gedränge, das nicht enden will. Menschen, wohin ich auch blicke, Menschen in schwarzen Anzügen, hohen, schwarzen Zylindern, sogar ihre Krawatten sind pechschwarz. Ich sehe an mir herunter. Ich bin weiß. Gekleidet in ein weißes Leinengewand, das bis zum Boden reicht und mich immer wieder stolpern lässt, als ich zögernd einige Schritte ins Gewimmel wage. Das Gemurmel der Menschen braust auf mich ein und macht mir die Orientierung schwer. Ich verstehe kein Wort, doch scheint es als ob sie über mich sprechen. Ich versuche in ihre Augen zu sehen, doch ihre Blicke fliehen vor mir, galloppieren davon wie aufgescheuchtes Wild. Ihre Gesichter sind anonym, grau und alle gleich. Selbst die wenigen Kinder, die ich entdecken kann, haben den selben Ausdruck im Gesicht wie ihre Mütter oder Väter, wie jeder Mensch dessen Blick ich erhaschen kann. Von dem Gemurmel ist mir schlecht geworden und ich versuche, an einen weniger belebten Ort zu gelangen, um mich zu setzen. Ich wühle mich durch die Menge, werde angerempelt oder angestoßen, doch nie beleidigt. Kein Wort traut sich aus ihren Mündern in mein Ohr. Abgesehen von dem monotonen Gemurmel herrscht Totenstille. Nach etwa fünf Minuten Gedränge hat sich die Menschenmasse noch immer nicht gelichtet, die Menschen stehen, laufen und rennen so dicht wie zuvor. Es scheint mir, als ob sie alle ein gigantisches Urwerk bilden und ich bin der Einzige, der die Zahnräder kreischen lässt, der Sand, der sie zum Stehen bringt. Dann sehe ich das Mädchen. Sie steht mindestens 100 Meter von mir entfernt, und blickt mich an.  Obwohl vor mir die Leute in einem Tempo vorbeihasten, als ob sie der Teufel verfolgen würde, kannich ihre Gestalt klar und deutlich erkennen. Ich laufe auf sie zu, dränge mich an den schwarzen Gestalten vorbei, die immer schneller zu laufen scheinen. Immer öfter rempeln sie mich an oder laufen in mich hinein, ich komme kaum vorwärts, stolpere über mein Gewand, doch ich kann die Augen nicht von ihr abwenden. Auf einmal werde ich nach vorne gestoßen, stolpere, falle vorüber auf den Asphalt. Als ich den Kopf hebe, sind die Menschen verschwunden, keine Seele drängt sich mehr auf dem Platz, auf dem ich die letzten Minuten herumgeirrt sein muss. Doch auch das Mädchen ist nicht mehr da. Wohin ich auch blicke, sie ist nicht zu sehen, ich kann sie fühlen. Ich beginne zu suchen, doch da steht schon der neue Tag neben mir und zeigt auf eine Tür. "Deine Zeit hier ist nun vorbei. Geh, und begrüße die Sonne"

*"Aber der Schlaf sagte, ich solle meinen Weg finden," *protestiere ich.

"Dein Weg endet nicht hier, dein Weg fängt dort draußen an, dein Weg ist weiß."

"Soll das heissen, der Schlaf hat mich angelogen?!" schreie ich beinahe.

"Das hat er wohl," sagt der neue Tag und unter seiner Kapuze kann ich einen mit schiefen, gelben Zähnen bestückten Mund süffisant grinsen sehen.

IX

Am nächsten Morgen weckt mich ein Klopfen an mein Schlafzimmerfenster. Verschlafen wühle ich mich auf meiner Decke und wanke zum Fenster, um zu sehen, wer da Klopft. Es ist die Sonne, die mit ihren Strahlen sacht und rhytmisch an das Glas trommelt. Sie lächelt mich an und ruft fröhlich:* "Einen wunderschönen guten Morgen, mein Freund"* Nach einem ausgiebigen Gähner murmle ich ihre Richtung: "Guten Morgen, Sonne" Die Sonne lacht: "Du schläfst ja schon wieder ein." Dann wird ihre Miene ernst: "Ich habe von gestern Nacht erfahren. Der Schlaf hat es auf dich abgesehen. Traue ihm nicht, ich weiss nicht was er vorhat, aber ich werde dich besuchen, wenn ich mehr weiss." Ich nicke und reibe mir die Augen. Die Sonne prustet: "Streng dich heute nur nicht zu sehr an, sonst schläfst du mir noch im Stehen ein, da hat der Schlaf leichtes Spiel!" Sie hält inne und schlägt einen Strahl vor den Mund "Tut mir leid, darüber macht man keine Witze."Nicht Schlimm," grinse ich, "was hast du gesagt?" Sie verdreht die Augen und wiederholt betont langsam mit mehr als einer Prise Ironie auf der Zunge: "PASS - AUF - DASS - DU - NICHT - EINSCHLÄFST. Jetzt ich muss auch schon wieder weiter". Ich sehe ihr nach, bis ich nur noch ihre Strahlen sehen kann.Der Himmel ist klar und blau wie das Meer. Keine Wolke ist am Himmel zu sehen. Obwohl es erst 9 Uhr ist, herrscht schon reger Betrieb auf der Straße unter meinem Fenster. Aus diesem kann ich direkt auf die Hauptstraße sehen, deswegen meide ich es normalerweise. Doch heute stehe ich da und betrachte fasziniert den Himmel, der so unendlich ist, wenn es Nacht wird. Ich kann nichts sehen, nicht einmal ein Flugzeug malt ein Bild an die Weite, trotzdem nimmt er mich gefangen und will micht nicht loslassen. Ein Fiepen reißt mich aus der Himmels-Trance, mein Wecker klingelt und ich zucke zusammen, drehe mich um und haste zum Bett um ihn auszuschalten. Vorsichtig nehme ich den Wecker in die Hand und lege den Hebel um, der ihn zum verstummen bringt. "Na also", krächtst der Wecker, "lange hätte ich das nicht mehr mitgemacht" - "Wieso gewöhnst du dich nicht endlich daran, das du ein Wecker bist und keine Wanduhr?", frage ich freundlich. Der Wecker grunzt etwas unverständliches und verzieht sich unter das Bett.

X

Mein schlecht gelaunter Wecker ist eines der Dinge, die ich an meiner Wohnung am meisten schätze, nach der Wanduhr, die er so gern wäre und nach meine Eisblumensammlung. Und natürlich nach einer heißen Tasse Tee mit Butter. Grinsend schlurfe ich in das Bad, welches gleich neben dem Schlafzimmer liegt und schließe die Tür ab. Warum, weiß icht nicht, in den 10 Jahren, die ich schon hier wohne, war morgens noch nie ein anderer Mensch in meiner Wohnung, trotzdem schließe ich sorgfältig ab und lege den Schlüssel auf das Waschbecken neben den Wasserhahn. Ich entkleide mich und steige unter die Dusche, drehe geistesabwesend das Wasser auf und springe mit einem riesen Satz wieder aus der Duschkabine. Das Wasser ist eiskalt! Sonst lasse ich immer das Wasser laufen und warte, bis es warm wird, aber heute habe ich nicht einmal im entferntesten darauf geachtet. Mein Blut rast, aufgescheucht von dem Kälteschock durch meine Adern und mein Herz springt auf und ab, ich setze mich auf den Badewannenrand, um Luft zu holen. Nachdem ich eine Weile dort gesessen habe, fällt mein Blick auf den Spiegel über dem Waschbecken, an dem sich kleine Eiskristalle gebildet haben. Ich stehe auf und gehe näher an den Spiegel heran, vorsichtig, als ob Eiskristalle gefährlich wären. "Vielleicht sind sie gefährlich", denke ich, doch kann nichts erkennen, was mit Gefahr zu tun hat. Ich starre einen von ihnen an und bemerke, dass es heiß im Badezimmer geworden ist, die Dusche speit noch immer kochend heißes Wasser aus, doch die Eiskristalle lassen sich davon nicht beeindrucken. Nachdenklich steige ich unter die Dusche, die viel zu heiß ist, doch ich merke es nicht. Meine Gedanken sind vor dem Spiegel stehengeblieben und starren sie unverwandt an. Dann zwingt mich mein verbrannter Rücken dazu, die Gedanken vom Spiegel loszureißen und unter zwischen den Zähnen hervorgepressten Schreien stelle ich die Dusche kälter.

Als ich wieder aus der Dusche steige, habe ich die Kristalle bereits vergessen, doch sie sind noch immer da, beobachten mich, als ich mich umziehe, mir die Haare kämme, die Zähne putze und schließlich das Badezimmer verlasse.

XI

Ich wandere durch den Flur in die Küche, um etwas zu essen. Die Wanduhr begrüßt mich fröhlich: *"Guten Morgen, mein lieber. Dafür, dass du gestern noch so lange unterwegs warst, wirkst du ja ziemlich ausgeschlafen" *- "Das täuscht", zwinkere ich ihr zu und setze mich an den Küchentisch, sehe aus dem Fenster. Obwohl mich die Sonne geweckt hat, kommt es mir vor, als ob es draußen noch dunkel wäre, die Straße scheint dunkel, obwohl die Häuser lange Schatten auf die gegenüberliegende Straßenseite werfen und sich lauthals beschimpfen. Die Tasse von gestern liegt noch immer auf dem Tisch, ich luge hinein, ob noch etwas Tee zu finden ist, doch sie ist völlig leer. Ich stehe auf und gehe zum Waschbecken und fülle etwas Leitungswasser in die Tasse, trinke es in einem Zug leer und setze dann Wasser für den Tee auf. Als ich mich wieder an den Tisch setze und gedankenverloren aus dem Fenster träume, fallen mir die Eiskristalle wieder ein. Die Fetzen gefrorenem Wasser, die wie Spinnen in ihren Netzen an meinem Spiegel saßen und mich beobachteten, jeden meiner Schritte verfolgten. Sich trotz der Hitze im Badezimmer nicht auflösen wollten, sondern sich beharrlich am verspiegelten Glas festhielten. Ich habe schon öfters solche der Physik trotzenden Wunder gesehen, aber niemals in meiner Wohnung. Es war im Freien, wenn ich in schneebeschneiten Feldern umhergestreift bin, über zugefrorene Seen gestolpert bin und Eisblumen gesammelt habe. Ein durchdringendes Pfeifen reißt mich unsanft aus meinen Gedanken und vom Stuhl. Mit lautem Gepolter lande ich auf dem Boden. Nachdem ich eine Weile dem Pfeifen des Wasserkessels gelauscht hat, das seltsam fern klingt, hebe ich den Kopf zum Herd und lasse ihn enttäuscht zurücksinken. Dort steht immernoch mein Wasserkocher und lässt lustig Wasserdampfseifenblasen aufsteigen. Ich knurre ihn verärgert an und er stößt kleinlaut einige kleine Seifenbläschen aus. "Schon gut", murmle ich "das ist ja nicht deine Schuld." Langsam und immernoch verärgert richte ich mich auf, um zu sehe, wer mir den Wasserkessel vorgespielt hat, den ich mir schon so lange wünsche, aber nie bekommen habe. Ich versuche mich zu erinnern, wann ich meine Verwandten das letzte mal gesehen habe, geschweigedenn ein Geschenk von ihnen erhalten habe, aber meine Erinnerung ist leergefegt. Mittlerweile hat das Pfeifen aufgehört und ich kann nur noch vermuten, dass es vielleicht die Alarmanlage eines Autos war, die mich so sehr in die Irre geführt hat. Verwirrt setze ich mich wieder an den Tisch und setze meine Brille wieder auf, die bei dem Sturz einen Riss im linken Glas bekommen hat. Selbst ohne sie konnte ich erkennen, dass nur ein alter Wasserkocher auf dem Herd steht. Sie ist beschlagen, was mich wieder daran erinnert, dass ich Wasser aufgesetzt hatte und ich nur wegen dem Pfeifen angenommen habe, dass das Wasser kocht. "Geradezu Ironie des Schicksals", murmelt die Wanduhr, die meinen Gedanken andächtig gelauscht hat.

XII

Ich stehe vom Tisch auf und bewege mich zum Herd, wo der Wasserkocher um sein Leben dampft und erlöse ihn, indem ich ihn ausschalte und das heiße Wasser in die Teekanne gieße. Auf dem Grund der Kanne liegen einige Eiskristalle, unscheinbar und still, ich bemerke sie erst, als sie, getragen vom Wasser, nach oben treiben. Sie gleichen denen aus dem Bad, ich sehe sie lange an und überlege, warum sie nicht schmelzen, immerhin besteht ein großer Unterschied zwischen Wasserdampf aus der Dusche und kochendem Teewasser. Doch meine Gedanken können die Kristalle nicht umstimmen, wie ihre normalen Artgenossen einfach zu schmelzen und zu verschwinden. Unbeirrbar treiben sie weiter auf dem See aus Wasser und scheinen sich auch nicht daran zu stören, dass ich langsam  zwei schwere Teebeutel auf sie herabsenke.

XIII

Die Teebeutel plumpsen unbeholfen in die Kanne und verspritzen etwas heißes Wasser auf meine Hand, doch ich merke es nicht. Die Sonne hat einen Strahl durch das Fenster geworfen, obwohl das alte Haus davor die Sicht auf den Himmel versperrt, und mich im Nacken gekitzelt. Verwirrt stehe ich da, vom Licht geblendet, dessen Ursprung ich nicht kenne. Es kann nicht die Sonne sein, das ist völlig unmöglich, denke ich, während ich die Hand vor die Augen halte, und langsam rückwärts gehe, um dem unangenehmen Licht zu entkommen. Plötzlich stoße ich an meinen Herd, doch das Licht blendet mich noch immer. Hier kann unmöglich Licht in das Haus kommen, der Himmel ist von hier aus überhaupt nicht zu sehen, die einzige Möglichkeit ist das kleine Fenster in dem Haus meinem gegenüber. Es ist das einizge Fenster auf dieser Seite, eher ein Loch als ein Fenster, eingerahmt in Spinnenweben, das Glas so blind wie der Bettler, der jeden Tag vor meinem Haus sitzt und mich um Geld bittet. Ich dachte dieses Fenster sei das Loch zu dem einzigen unbewohnten Gebäude in der Stadt, doch als das Licht plötzlich verchwunden ist und ich das Fenster anstarre, als ob ich den Staub und die Spinnenweben mit Gedankenk raft beiseite schieben wolle, da ist für ein paar Sekundenbruchteile ein Kindergesicht zu sehen, es sieht zu mir herauf und lächelt, dann löst es sich in Luft auf und ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt etwas gesehen habe.  Doch ein kleiner Händeabdruck im Staub an dem dünnen Glas bestätigt mir, dass ich nicht geträumt habe. Ich rufe das Gesicht in meine Erinnerung und weiß, das ich es kenne. Ein junges, abgemagertes Gesicht mit einem kurzen, tiefschwarzen Pony. Ein Mädchen. Das Mädchen. In meinem Kopf lächelt sie noch immer und verschmilzt mit den anderen Erinnerungen an sie.

XIV

Der Duft des fertigen Tees steigt mir in durch die Nase in meine Gedanken und hüllt das Mädchen gänzlich ein, die Nachdenklichkeit macht sich leise fluchend davon, um andere Menschen zu quälen. Ich gehe zum Kühlschrank und nehme die Butter heraus, schneide ein großes Stück ab und tausche es gegen die blass gewordenen Teebeutel aus, setze mich an den Tisch, schenke mir Tee ein und fange an, die Sekunden zu zählen. Sie fliegen an mir vorbei, umschwirren meinen Kopf und summen zum Fenster hinaus. Ich blicke ihnen hinterher, stelle mich ans Fenster und sehe hinunter auf die kleine Gasse. Nur heimlich spähe ich kurz  hinüber zum anderen Haus und dem kleinen Loch, dann beuge ich mich über meine Fensterbank, um auf die Straße zu sehen, die sich vor meinem Haus durch die Stadt schlängelt, hierhin und dorthin, an alten, schrägen Fachwerkhäusern bis zur großen Kirche. Sie ist das älteste Gebäude in der kleinen Stadt, ein filigraner Klotz aus porösem Stein, der jedes Jahr restauriert werden muss und Unsummen verschlingt. Dennoch liebe ich diese Kirche. Wenn ich Ruhe brauche, besuche ich sie, setze mich auf eine Empore und lasse meine Gedanken unter dem riesigen Kuppeldach kreisen. Die großen bunten Glasfenster und die mächtigen Säulen verzaubern mich jedesmal und lassen mich alles andere vergessen. Manchmal verstecke ich mich, wenn die Kirche geschlossen wird und sitze noch Stunden in der Dunkelheit. Es ist ein schönes Gefühl, so allein zu sein. Dann denke ich über die Welt nach, über den Tod und das Leben, über Eisblumen und über Tee mit Butter.

XV

Die Wanduhr hat erneut meine Gedanken gelesen, denn sie raunt: "Wie wäre es mit einem kleinen Spaziergang? Du könntest wieder einmal die Kirche besuchen, du warst schon lange nicht mehr dort." Ich nicke zustimmend, langsam, immernoch auf die Straße starrend. Dann drehe ich mich um. "Du hast Recht, das werde ich tun. Danke für den Tip." - "Gern geschehen", zwinkert sie, "Sonst kommst du ja zu nichts" Ich verdrehe die Augen und die Uhr grinst breit, ich verlasse den Raum und höre ihr Kichern im Flur, als ich die Jacke anziehe und die Tür öffne. Es ist kalt im Treppenhaus und ich zittere, während ich die Stufen zum Erdgeschoss herunter gehe. Doch als ich die Haustür aufschiebe, schlägt mir die Wärme der Sonne mit solch einer Wucht entgegen, dass ich mich am Rahmen festhalten muss, um nicht wieder ins Treppenhaus zu stolpern. Der Himmel ist wolkenlos, gemalt in einem Blau, das mein Herz höher springen lässt. Ich ermahne es zur Ruhe, doch es hüpft auf und nieder, gegen meine Lunge und lässt mich nach Luft schnappen; sie schmeckt nach Überraschungen, die mein Leben verändern, nach Sehnsucht, schmerzender Sehnsucht, nach Alltag mit einer Prise Zucker, vielleicht auch mehr. Wie hypnotisiert stehe ich im Hauseingang und sauge diese Morgenluft ein, stelle mir einen Tee in dieser Geschmacksrichtung vor, unbeschreiblich, während mein Herz sich überschlägt. Ich renne einfach los, trotz der schmerzenden Lungen, renne um mein Leben, durch mein Leben, meinem Leben entgegen..

.. geradewegs dem Postboten in die Arme. Bevor ich mich entschuldigen oder ihn überhaupt ansehen kann, drückt er mir einen Brief in die Hand und ist verschwunden. Ich drehe mich verwirrt um und will ihm hinterher sehen, doch die Straße ist leer. Nur der blinde Bettler vor meinem Haus ist zu sehen. Er hat den Zusammenprall gehört und streckt eine blecherne Büchse in die Richtung. Ich durchsuche meine Hosentaschen nach etwas Kleingeld, finde einige Münzen und lasse sie in die Büchse fallen. "Der Weg ist Weiß", krächtst der Alte. "Die Hoffnung ist Hell. Die Erfüllung ist Bunt. Der Abschied ist Matt. Das Ende ist Schwarz." Fassungslos starre ich ihn an. Normalerweise sagt er etwas wie: "Gott sei mit dir, du edler Mensch" oder "Ich weiß eure milde Gabe zu schätzen, Herr." Doch nichts hat dem geglichen, nichts war so verwirrend, nichts so prophetisch, nichts so inhaltslos und doch wie eine Weltformel, ein Code, der alles lesbar macht, ein Schlüssel, der alle Türen dieser Welt öffnet, eine Medizin, die alle Krankheiten heilt. "Der Weg ist Weiß," beginnt der Alte von vorn. Er wiederholt es noch ein zweites Mal, ein drittes Mal als ich schließlich in Richtung Kirche davonstolpere, wie betäubt von seinen Worten, höre ich seine brüchige Stimme noch immer durch die leere Straße hallen. Dann bemerkte ich, dass ich den Brief des Postboten noch immer in der Hand halte und würdige ihn eines Blickes. Ein Absender steht nicht darauf, also setze ich mich auf eine Bank am Straßenrand und reiße ihn vorsichtig auf. Es ist ein seltsames Briefpapier, durch und durch schwarz, zerknickt, die Ränder angerissen. An eine Ecke ist mit einer Büroklammer ein kleiner Zettel geklemmt. Auf ihm stehen ein paar Buchstaben und Zahlen, achtlos hingekritzelt, wie zufällig aus Langeweile:

8-3 10:24 G2