Scherben

I

Die nächsten Minuten sind mir egal, also vergesse ich sie. Ich lasse sie zusammen mit dem Brief und der Notiz in die Tasche gleiten und

Die Sonne scheint warm auf mich herab, als ich die Straße zur Kirche entlang schlendere. Die Kirche steht auf einem großen Platz in der Mitte der Stadt, auf dem ein dichtes Kopfsteinplaster wächst und von kleinen Häusern umsäumt ist, in denen sich Cafés und Ein-Zimmer Wohnungen tummeln. Jeden Sonntag findet hier der Wochenmarkt statt, der die ganze Stadt mit wilden Düften und Gerüchen überrumpelt. Auch einen Teestand gibt es, ein Grund, mich dort sehen zu lassen, denn der Tee, den die alte Frau mit der Augenklappe verkauft, ist der Beste, den ich kenne. Der Gedanke an frischen Tee lässt mich schneller gehen.

II

Ich tauche ein in die Masse von Menschen, die an den Marktständen stehen und plaudern, feilschen oder nur das bunte Treiben beobachten. Ich versuche, sie nicht zu berühren, wie in meinem Traum, in der Wirklichkeit ist das wesentlich einfacher und ich tänzele durch die Menge, nur verfolgt von den Blicken einiger missmutig blickender Menschen, die mir bedrohlich summend um den Kopf schwirren. Ich beachte sie nicht, sondern blicke erwartungsvoll wie ein Kind bei einem Autounfall zu der kleinen Holzhütte herüber, zu der mich ein sucht-ähnlicher Drang treibt und kaufe einige Päckchen Tee, roten und grünen, schwarzen und meine Lieblingssorte, die neben einigen anderen Zutaten auch getrocknete Rosenblätter enthält. Diese Sorte gibt es das erste Mal seit einigen Monaten, genauer gesagt seit 2 Monaten und 3 Wochen. Jeden Samstag bin ich seitdem auf den Markt gegangen und habe nach Rosentee gefragt, immer von der Wanduhr unter einem seltsamen Vorwand aus meinem Haus gelockt. Aus eigenem Antrieb wäre ich nicht so oft ins Freie gegangen, in ihre Nähe, hätte mich mit anderen Teesorten getröstet und in meinem Reich darauf gewartet, dass die Sonne oder der Mond mir ein Päckchen vorbeibringen. Rosentee.. Gerade pfeift der Kessel vergnügt und ich gieße das brodelnde Wasser in eine zerbeulte eiserne Teekanne, in der zwei Teebeutel durstig darauf warten, sich vollsaugen zu können. Während ich darauf warte, dass der Tee zieht und schon Butter aus dem Kühlschrank geholt habe, werde ich das Gefühl nicht los, dass etwas nicht stimmt. Gerade jetzt, wenn ich Rosentee trinken will. Als ich mir nach einigen Minuten den fertigen Tee in die Tasse gieße, fällt mir auf, dass ich nie einen Wasserkessel besessen habe. Soweit ich zurückdenken kann, hat immer ein alter Wasserkocher meine Küche bewohnt. Ich drehe mich im Eingießen um, will mich vergewissern, dass ich meine Augen mich nicht täuschen, dabei gieße ich das heiße Wasser auf meine Hand und brennender Schmerz überschwemmt meine Hand und meinen ganzen Körper, bis in den Kopf. In den Kopf? Als ich meine Augen öffne, liege ich auf dem Boden, Menschen stehen um mich herum, sehen mich besorgt an. Ich befinde mich auf dem Marktplatz, inmitten der Marktstände, eingekreist von Menschen, die mich anstarren. Langsam stehe ich auf, versuche mir meine Panik nicht anmerken zu lassen, murmle ein paar Worte, die hoffentlich nach "Mir geht es gut" klingen und stolpere in Richtung der Kirche davon.

III

Als ich das Tor erreiche, das sich wie ein Mund eines Ungeheuers vor mir auftut, überkommt mich ein leichter Schauer, andächtig betrachte ich die in den Stein gehauenen, die sich entlang des Rahmens tummeln: Zwei Maria Gestalten, dann zwei Jesus Figuren, zur Mitte hin werden die Kreaturen immer grotesker und ineinander verschlungen, bis an der Spitze des gotisch aussehenden Torbogens eine teufelsgleiche Gestalt mit weit ausgebreiteten Flügeln höhnisch auf die jeden Besucher der Kirche herabblickt. Mit klopfendem Herzen versuche ich so feierlich wie möglich in den schwarzen Schlund hinein zuschreiten, durch den halbdunklen Vorraum, vorbei am Aufgang zum Turm und der Kollekte, bis zu einer Tür aus schwarzem Holz. Nachdem der schwere eiserne Türgriff mit seiner monotonen Stimme, die sich wie eine lange nicht geölte Tür anhört, die Verhaltensvorschriften heruntergeleiert hat, darf ich eintreten. Das Kirchenschiff ist in buntes Dämmerlicht getaucht, das die Sonne durch die farbigen Glasfenstern auf Boden, Kirchenbänke und gegenüberliegende Wand malt, die Luft ist kühl, die Stimmung gedämpft. Außer mir befinden sich nur noch wenige weitere Personen in der Kirche, verstreut über alle Sitzreihen, betend, manche auf den Bänken, sitzend, manche auf den Boden daneben gekauert, manche stehend, manche mit lautlosem Pathos, manche still für sich. Ich wende mich nach rechts und schleiche hinter den Bänken entlang bis zu einer breiten steinernen Treppe, die mich auf eine Empore führt, die einen Halbkreis mit Blick auf das Prediger Pult formt. Hier sind die Bänke aus verwittertem Stein, die ehemals scharfen Kanten und Ecken vom vielen sitzen-und-andächtig-oder-gelangweilt-lauschen abgerundet und abgeflacht. Um der Härte des Steins entgegen zu wirken, sind Polster ausgelegt, die wie immer achtlos hingeworfen auf dem Boden liegen und hörbar stöhnen und Zähne knirschen. Ich sammle einige von ihnen auf und versuche es mir auf ihnen bequem zu machen.

IV

Mein Blick schweift über das Geländer, hinab zu den Betenden.  Sie sehen wie Spielzeuge aus, die starr immer wieder die selben Bewegungen wiederholen und völlig in sich versunken sind. Ich pfeife leise und mein Blick schwebt langsam nach oben zur Decke, zu der großen, verzierten Kuppel. Dann kommen sie. Gedankenbruchstücke, Fragmente, wie hinkende Vögel hüpfen sie heran, schleichen sich in meinen Kopf und beginnen sich zu einem Film zu formen, der erst langsam, dann immer schneller vor meinen Augen zu flimmern beginnt. Bilder und Erinnerung fliegen an meiner Netzhaut vorbei, manche mehrere Sekunden lang, schrecklich und schön, bunt und farblos, vor kurzem geschehen oder schon Jahre alt. Da ist sie. Mein Herz verkrampft sich, als ich sie sehe. Die Szene ist mir völlig unbekannt, dennoch ängstigt sie mich, lässt mich auf meiner Bank hin und her zucken.

Ein dunkler, enger Raum, mit schweren Vorhängen vor dem einzigen Fenster. Dort sitzt sie im Halbdunkel, den Kopf in den Händen, die langen Haar wirr im Gesicht hängend. Das Bild verschwindet, taucht behände in ein Meer aus vorbeirasenden Sinneseindrücken ein, ein anderes erscheint, Schienen, eine endlose Brücke zwischen Bergen, auf der sich ein Wurm aus Wagons entlang windet. Jetzt erkenne ich, dass die erste Szene ein Zugabteil war, versuche den Gedanken vor mir in der Luft zu halten, durch doch der Film rattert unerbittlich weiter weiter, der Gedanke entgleitet mir und plumpst zurück in das unendliche Meer aus Gedankentröpfchen. Eine andere Szene erhebt sich daraus , meine Erkenntnis wie ein hilfloses Fischerboot in einem tosendem Sturm auf den Grund drückend, der Zug hat in einem Bahnhof gehalten, die Türen öffnen sich, Menschen strömen heraus, stundenlang, zuletzt setzt eine zierliche Gestalt ihre Füße auf den dreckigen Boden des Bahnsteigs, mit langen schwarzen Haaren..

V

Plötzlich befindet sich mein Bewusstsein wieder in der Kirche, mir ist schwindlig, ein seltsam monotones Brummen sitzt in meinem Ohr und lacht höhnisch, während es in meinen Kopf kriecht und dort alle durcheinander wirft. Durch den schweren Vorhang des Brummens kann ich mich selbst für den Bruchteil einer Sekunde als zusammengekrümmte Gestalt erkennen, die auf der Steinbank liegt und hin und her rollt. Ich rieche die namenlose Angst, die meine Nasenflügel hinaufziehst, doch gleichzeitig verspüre ich, wie die Ruhe sich neben mich setzt, meine zitternde Hand nimmt und einen tröstenden Singsang intoniert, der das Brummen vor Schmerz zu einem Dröhnen, dann zu einem Kreischen verzerrt. Meine Trommelfelle beben, die Kirche beginnt wild auf und ab zu hüpfen, Wellen von Schmerz und Tönen brechen über mir zusammen, verwandeln die Loge in ein brausendes Meer. Eine besonders große Welle peitscht mich unter Wasser, ich versuche wieder an die Wasseroberfläche zu gelange, doch meine Beine gehorchen nur meiner Angst und sterben langsam im Getöse ab, werden blau und immer schwerer, ziehen mich hinab in das Meer in meinem Kopf. Langsam treibe ich tiefer, ohne den Willen, mich zu wehren, das Meer wird dunkler, Luftblasen blubber fröhlich um mich herum und singen wässrige Lieder, wie eine Illusion, ein letzter schöner Traum, bevor man eintritt in das Reich des Vergessens. Ich sehe ein schwaches Licht unter mir, es ist ein Loch im Sandigen Meeresgrund, langsam gleite ich darauf zu, werde eingesogen in einem Strudel aus aufgewirbelten Sand, Fetzen von Lebenswille und Blasen aus Licht.

VI

Als das Gegurgel des Wassers verklungen ist, liege ich lange Zeit im Nichts und lausche meinem Tod. Ich spähe nach allen Seiten, doch ich sehe nur weisses Licht, sogar das, was, wie ich mir einrede, der Boden ist, scheint daraus zu bestehen. Es gibt keine Umrisse oder Strukturen, Ecken oder Kanten, nur einen leeren, unendlich großen Raum, in dem alle Töne und Bilder, ich  selbst verklingen zu scheinen. Ich versuche Worte zu flüstern, zu sagen, zu schreien, doch es kommt mir so vor, als ob ich den Mund überhaupt nicht geöffnet habe. Da ich unter leichter Klaustrophobie leide, erwarte ich, trotz den endlosen Raumes, wegen der beklemmenden Weisse aufsteigende Panik, zumindest etwas Aufregung, doch die Hoffnung auf eine Emotion verhallt genauso wie alle anderen Versuche, mein Herz zum zittern zu bringen. Alles verschwindet bereits bevor ich daran denke. Ich fühle mich ruhig, eine neutrale, kalte, leere Ruhe, ein Gewebe aus Apathie, dass sich langsam wie eine warme Decke in Winternächten auf mich herabsenkt und mir für einige Sekunden Sicherheit vorgaukelt. In diesen Sekunden nutzt der Schlaf, der schon länger hinter mir her schleicht, seine Chance und trägt meinen fast leblosen Körper ins Traumland. Nur meine Jacke, die mir von den Schultern gerutscht ist, bleibt zurück, ein bunter Fremdkörper in einem Land, das keine Worte kennt.

VII

Als der Schlaf mich endlich von einer unruhigen Reise entlässt, sitze ich barfüßig auf dem Bahnsteig 2, in der hinteren Ecke des Bahnhofs, wo der Bahnsteig abrupt wie eine Klippe abfällt und in den Strom von Gleisen übergeht, der unter mir vorbeifließt. Es ist 10:15, von fern höre ich hektisch die Kirchturmuhr schlagen, die Zeiger der Bahnhofsuhr kriechen dagegen gemächlich das Ziffernblatt entlang und saugen genüsslich Zeit aus der Welt heraus, atmen Leben, das langsam verstreicht. Wolken spielen verstecken, huschen über den Himmel lugen hinter dem Horizont hervor, flüchten sich kichernd hinter Häuserfassaden. Die Sonne ist nicht zu sehen, ein gleichmäßiges Licht regnet leise herab und verwandelt den Bahnhof in eine malerische Theaterbühne, die Stromleitungen ziehen sich gleichmäßig durch die Szenerie, alles ist Menschen- und Zügeleer, der Wind flüstert durch die Strommasten, die Gleise rauschen glücklich. Ich stehe auf und wandle umher, ziellos, setze mich an den Bahnsteig und lasse die Füße baumeln, sehe den gelegentlich vorbeifahrenden Zügen zu, lausche dem Lichtspiel der Signale, kaufe mir einen Schokoriegel mit Kokosgeschmack am Automaten. Der Wind nimmt meine Seele und ich bin guter Dinge, summe vor mich hin und genieße die Aussicht.

VIII

Als die Turmuhr 10:24 schlägt und die Bahnhofsuhr in ihrer Begeisterung mitreißt, über den Tag, über die Zeit, über das Gleis, werde ich vom Vibrieren des Bahnsteigs aufgeschreckt, wie eine Katze in einer Hängematte, die durch einen plötzliche Schubs davon herunter geworfen wird und flink wie der Wind in meinen Haaren davon flitzt. Das Vibrieren verursacht eine alte Dampfmaschine, an die sich einige Wagons klammern und ängstlich hinter ihr hervor spähen, sie fährt gemächlich und ohne jede Hast in den Bahnhof ein, als ob der Tag schon zu Ende und sie bereits in ihrem Stall sei und fährt direkt an mir vorbei, zwinkert mir zu und lässt sich das letzte Stück bis zum Ende des Bahnsteigs rollen, bevor sie mit einem Ächzen und Stöhnen, das eher behaglich als gepeinigt klingt, zum Stillstand kommt. Ich sehe, dass sie und ich uns auf Gleis 2 befinden und schaue ruckartig auf die Uhr. Noch immer ist es 10:24, als ich den Kopf wieder wegdrehe, höre ich das Klicken und Einrasten des Minutenzeigers auf der 25 und sehe schnell auf die Datumsanzeige meiner Uhr. Es ist der 8. März. Plötzlich macht der Zettel in meiner Jackentasche Sinn. Als ich ihn hervorholen will, merke ich, dass ich keine Jacke anhabe. Sie ist im Weiß zurückgeblieben, bevor ich noch fluchen kann, sehe ich aus den Augenwinkeln eine Gestalt aus dem Zug aussteigen. Ihr langes schwarzes Haar streicht der Wind zärtlich über ihr Gesicht, sodass ich es nicht erkennen kann. Sie sieht sich kurz auf dem Bahnhof um, lächelt, als sie mich sieht und kommt auf mich zu. Obwohl es für einen Märztag erstaunlich warm ist, wird mir kalt, ein eisiger Hauch flattert mit ledrigen Flügeln vor ihr her und setzt sich auf meine Schulter. Das Gift schießt durch meine Glieder und ich beginne zu wanken. Die fast schon vertraute Leere macht sich breit. Sie setzt sich neben mich und berührt meine Wange mit einem Finger, ich sinke zurück und krache mit dem Kopf auf die Steinfliesen, die nach allen Seiten bersten. Ich sehe ihr Gesicht, unendlich schön, einen roten Mund, der mir lieblich zulächelt, während sie noch immer unaufhörlich Kälte ausstrahlt. Meine Augen sinken zu und ich fliege. Weit weit weg. Weiter, immer weiter, und der Schmerz lässt langsam nach.

IX

Langsam taste ich mich voran. Es ist dunkel, der Boden ist kalt als ich darüber krieche und angestrengt in die Schwärze starre. Etwas treibt mich vorran, zieht und zerrt meinen Körper über Steinplatten. Ich wehre mich nicht, versuche nicht dagegen anzukämpfen, entgegen all meinen menschlichen Instinkten bewege ich mich unentwegt weiter. Als meine Hand eine Wand berührt, steht mein Körper ruckartig auf, auf die Knie, auf die Füße, es ist das Geländer der Empore, ich bemerke es nicht, es zieht mich in den Abgrund der Kirche. Langsam klettere ich auf das Geländer, stehe zitternd auf und sehe auf die Menschen herab, Ameisen unter meinen Füßen, einen Schritt entfernt, die Kirchenbänke wie ein Meer, mit hölzernen Wellenkämmen. Es rauscht unter mir , rhythmisch, sich wiederholend, es formt Worte, schreit mich an, dröhnt in meinen Ohren, verwirrt mich, hält mich von meinem Fall ab, während etwas in mir alles loslassen will, frei sein will. Plötzlich öffne ich meine Augen, blicke mich nicht um, sehe nur nach unten, in ein anderes Paar weit Augen, aufgerissen vor Angst. Es ist ein Mensch, der zuvor noch ruhig auf einer Bank gesessen hat und jetzt ohne mir ersichtlichen Grund aufgesprungen ist, panisch mit dem Finger auf mich zeigend, gestikulierend. Andere laufen hinzu, sammeln sich, tun sie das nicht, es ist noch nicht zu spät! Ihre Worte klingen wie Salz in meiner Wunde, ich halte mir die Ohren zu, um den Lärm nicht ertragen zu müssen, wanke, schwanke und falle nach einer kleinen Ewigkeit rückwärts von der Empore in einen Satz Kissen.

Ich liege auf dem Boden, die Kissen haben unter der Last meines Aufpralls aufgeschrien und mich zurück in die Wirklichkeit gestoßen. Mein Kopf schmerzt, mehr von dem Lärm der Menschen als von meinem Sturz, aber ich kann klarer denken als man durch ein Glas Wasser sehen kann.

Fußgetrampel klingt von der Treppe zu mir herüber und ich weiß, dass die Menschen auf dem Weg zu mir sind. Sie wollen mir helfen, vielleicht einen Arzt rufen, meinen Puls messen, sehen, ob es mir gut geht.. Als diese schrecklichen Vorstellungen versetzen mich in solch eine Panik, dass ich aufspringe ohne das Gezeter der Kissen zu beachten und in die entgegengesetzte Richtung die Empore entlang davon hechte, geduckt wie ein Geheimagent auf der Flucht und bin über einen Nebenabgang schon in den Keller gerannt , bevor einer meiner Verfolger überhaupt das Ende der Treppe erreicht hat.

X

Du sitzt dort, in deinem Abteil, fast regungslos, leise lächelnd. Du liest wieder, siehst aus dem Fenster, beobachtest die vorbeirasenden Gleise, spähst in die Ferne, durch das Küchenfenster, direkt in mein Leben. Seit Stunden, vielleicht auch Tagen bewohnst du schon dieses Abteil, trinkst schwarzen Kaffee, unternimmst lange Streifzüge ins Nichts. Manchmal trittst du auf den Gang, siehst den Menschen nach, die sich an dir vorbeidrängen und lächelst über ihr sie. Du isst nichts, lebst von Träumen von bunten Luftballons und Kettenkarussells, dein schwarzes Gut ist der Kaffee, der deinen Rachen schmeichelt und dich für immer wach macht.

Wenn der Zug an einem Bahnhof hält, beobachtest du die ein- und aussteigenden Menschen wie eine Katze auf einer Mauer, die jeden Fußgänger, der ihren Pfosten passiert, lange nachsieht, als ob sie sich über jeden einzelnen große Gedanken machen würde. Die Sonne wacht über dich und der Schlaf muss sich immer wieder fluchend zurückziehen.

XI

Ich haste durch dass Halbdunkel der Kirche einen Gang entlang, der kein Ende zu nehmen scheint. Eigentlich ist die linke Wand keine Wand, sondern eine lange Reihe von dichtstehenden Säulen, die dieses Ende der Kirche vor jedem Besucher verstecken. Ich höre hinter mir ein Rufen und mein Lauf beschleunigt sich, dort ist eine Abzweigung, ich wende mich nach rechts und gerade, als ich verblüfft bemerken will, das die Kirche in dieser Richtung eigentlich zu Ende sein sollte, stehe ich vor einer Treppe, die steil in ein tiefes Loch führt, aus dem Dunkelheit herauswabert, sanft an meine Schuhe klatscht und seltsam nasse Abdrücke. Ich starre in das Schwarz und das Schwarz starrt zurück.

Minutenlang duellieren wir uns stumm, angestrengt wie ein Scharfschütze und wachsam wie sein Opfer, bis sich das Nichts plötzlich teilt und einen schmalen Pfad aus Lich freigibt, der mich magisch anzieht. Ein weiterer Ruf hinter mir, Ich habe da hinten etwas gehört!, und zähnefletschenden Schock stoßen mich unsanft die Stufen herab und ich lande, hilfesuchende Hände voran, auf grobem Steinpflaster. Nachdem ich meine blutenden Hände für einige Minuten fasziniert angestarrt habe, drehe ich mich um, doch von der Treppe ist nichts mehr zu sehen, keine einzige Stufe, nur das Licht des hellen Pfades, der sich nun vor und hinter mir endlos erstreckt.

Vorsichtig stehe ich auf und gehe probeweise ein paar Schritte. Der Pfad ist wie aus Glas, es klingt seltsam bei jedem Schritt, wie ein ferner Gong in einem unendlich großen Raum. Aus der schwarzen Ferne fliegt leise fremdklingende Musik zu mir herüber und ich bleibe wieder stehen, lausche auf die merkwürdigen und gleichzeitig beruhigenden Noten, die sich zutraulich auf meine Schulter setzen oder fröhlich zwitschernd um mich herumflattern. Obwohl ich nicht weiß, wohin und auch die Noten mir nicht sagen wollen, woher sie kommen, beginne ich mich vorwärts zu tasten, die Hände an unsichtbaren Wänden, die Augen auf den Pfad aus Licht gerichtet, ihm in die Unendlichkeit folgend.

XII

Ich wandere, sinke tiefer und tiefer, hinab in eine andere Welt, die meiner so sehr ähnelt wie ein Negativ seinem Abzug. Alles sieht vertraut aus, schillert in den Farben eines LSD-Trips, hat bekannte Strukturen, die von grotesken Texturen vollständig zerstört werden und von kindlicher Hand grob wieder in die richtig scheinende Form gebracht werden. Obwohl ich noch immer nicht mehr als Schwärze sehe, erkenne ich darin mehr als je zuvor in der ausdruckslosen Miene eines vorbeitreibenden Passanten.

Eine neue Welt offenbart sich mir, steht vollkommen offen und begrüßt mich so herzlich, wie der Vater seinen verlorenen Sohn, als ob sie schon seit anbeginn der Zeit auf mich gewartet hätte. Der Anblick ist unbeschreiblich.

Ein Verlangen nach diesem wunderschönen Chaos wächst in mir, so langsam, wie Efeu beim Wachsen zuzuschauen fühle ich es in meinem Herz emporklettern, es durchbricht meinen blutpumpenden Lebensspender, unbarmherzig wie ein Baggerführer gelangweilt ein altes Haus zertrümmert. Es treibt, zieht und zerrt an mir, hinein ins Dunkel, fort von dem weißen Pfad, hastig will ich loslaufen, doch das Licht unter meinen Füßen klebt wie heißer Teer und ich schlage der Länge nach hin. Während ich noch aufschreien will, verschwimmt der Boden unter mir und ich falle erneut, doch diesmal bleibe ich in der Luft hängen, hilflos baumle ich verkehrt herum in der Luft, meine Schuhe kleben noch immer an dem Pfad aus Licht, das sich zunächst unmerklich, dann mit jeder Bewegung, die ich strampelnd vollführe, weiter durchbiegt. Verzweifelt versuche ich stillzuhalten, schließe den Mund, damit keine noch so kleine Vibration das Licht, das mittlerweile auf ganzer Länge wie eine gigantische Wäscheleine schlaff herunterhängt.

Nach einer Weile versuche ich zum ersten Mal, meinen Kopf zu heben und werfe 2 kurze Blicke in die Schwärze, die nun wieder erloschen ist und zu mir heraufschreit. Die Blicke fallen ungesehen, sich immer schneller drehend nach unten, ich lausche lange auf einen Aufprall, der nicht kommt. Noch immer konturlos. Noch während ich den Blicken nachfühle und überlege, ob ich nicht vielleicht noch einmal hinabsehen sollte, kommt Bewegung in die Licht-Leine, erst ein Schütteln und Zittern, dann bäumt sich das Licht mit einem Mal auf und schleudert mich in die Höhe - und reißt auf ganzer Länge. Ich stürze sanft ins Nichts.

Der Fall dauert endlos, Bröckchen aus Zeit schweben an mir vorbei, einzelne Noten bilden eine zerstörte Klaviatur aus Gefühlen, Augenblicken, Vergangenheit und manchmal ein bisschen Zukunft, ein lichterloh brennendes Haus. Es ist eine kleine Hütte am Rande einer Stadt, alt und baufällig, aber bewohnt, das Dachgeschoss ist als einziges in Fenster gekleidet, aus dem blaue Flammen aus Wasser schlagen. Ein längliches Auto, das einem Tanklaster ähnelt, fährt vor. Doch dieses hat neben einem großen Tank, auf den eine schwarze Flamme gezeichnet ist, eine Maschine gleich hinter dem Führerhäuschen, die mit dem Tank über mehrere Schläuche verbunden ist. Als der Wagen hält, steigt eine Gestalt aus, die in einen unförmigen Anzug gehüllt ist, eine Riesige Feuerschutzmaske verdeckt den ganzen Kopf, in deren verspiegelten Schutzglas sich die blauen Flammen spiegeln und ein schauriges Wasserwerk aufführen. Die gestalt nimmt einen Schlauch in ihre Handschuhe und betätigt einen Schalter an der Maschine, ein meterlanger Strahl aus feuriger Vernichtung schießt aus dem Schlauch und die Gestalt, bewegt sich langsam auf das Haus zu. Ich verstehe nun, was dieses Monster vorhat und beginne zu schreien, es ist doch nur Wasser!, aber die Szenerie ist nur ein weiteres Bild, das an mir vorbeitrudelt und so sehe ich hilflos und vor Qual zitternd zu, wie die Gestalt das Haus in eine rauchende und feuerspuckende Hölle verwandelt, ich kann nicht länger hinsehen, das Haus schreit vor Schmerz und Wahnsinn, schließe meine Augen - und sofort ist alles still.

XIII

Ein gewaltiger Aufschlag erschüttert den Tunnel, ich gerate unter Wasser, pruste und spucke, bekomme Wasser in den Mund, strample wie wild mit Armen und Beinen - und bemerke, dass ich in knöcheltiefem Wasser liege.

Meine Hände graben sich tief in den Schlick am Boden, stützen sich ab, sinken ein, stemmen meinen Körper ein paar Zentimeter aus dem Wasser. Ich setze mich langsam auf. Meine Kleider sind voll gesogen, aus meinen Haaren läuft Dreck mit Wasser über mein schmutziges Gesicht, selbst aus meinen Ohren tropft es. Ich drehe den Kopf, meinen Haaren entgleitet weiteres Wasser und stürzt verrückt lachend in die Tiefe, und sehe mich um. Hinter mir gähnt ein Loch, ein Labyrinth aus Abzweigungen, Biegungen, abfallenden, aufsteigenden und schnurgeraden Gängen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals dort durchgegangen zu sein. Der Gang in dem ich noch immer sitze, führt noch einige hundert Meter durch etwas, das einem Abwasserkanal gleicht und endet in einem runden Raum, in den von oben fahles Licht einfällt. Ich sitze wie ein kleines Kind bei Regen in einer Pfütze, als mein Magen zu knurren anfängt, beweg dich, ich habe hunger. Ich stehe auf, triefend und tropfend, Schritt für Schritt ziehe ich meine Füße in den aufgeweichten Schuhen durch das braun-graue Wasser, dem hellen Strahl entgegen. Mein Bauch treibt mich weiter an, brummt bedrohlich und als ich die Leiter erreiche, ein rostige Gebilde, das in der Mitte des Raumes hinauf zum Licht führt, sehe ich den Mond, der durch das Loch auf das Wasser scheint und mich blendet. Nachdem ich die Leiter einige Minuten prüfend angestarrt habe, klettere ich hinauf, aufmerksam auf jedes verdächtiges Geräusch achtend, bemerke ich oben, dass es tatsächlich bereits später Abend ist. Ich stehe im Wald in einer flachen Mulde, dicht umstanden von Bäumen. Verwirrt setze ich mich ins Gras, weder meinen jetzt schon fast nach Essen brüllenden Magen noch die dornigen Sträucher, die böse grinsend an meinem Arm scharren, und gierig mein Blut abschlecken, bemerkend. Mein Kopf wird schwer, er fällt hilflos vornüber..

Ich schrecke wieder auf, das heisere Schreien meines Magens klingt wieder an mein Ohr und nun sagt mir auch mein Verstand mit salbungsvoller Stimme, wie wäre es, wenn du zur abwechslung mal auf mich hörst und deinen wohlverdienten schlaf nachholst? immerhin bist du nun schon einiges stunden in diesem gräßlichen labyrinth umhergeirrt. einige stunden?, frage ich ungläubig. Mein Verstand nickt weise und ich fange beinahe an zu grinsen, noch nie hat er so befriedigt geklungen. Ich stehe auf und klettere aus der Mulde heraus, gehe ein paar Schritte, bis sich die Bäume lichten. Und stolpere zurück. In der Ferne ist die Stadt zu sehen, die Sonne ist schon untergegangen, strahlt noch verzweifelt, taucht die Wolken pflichtbewusst in ein geradezu blendend schönes Konzert aus Rottönen, während der Mond belustigt zuschaut, ein dünnes Lächeln auf den Lippen. Nach dem ich mich satt gesehen habe, ist sogar mein Bauch halbwegs zufrieden und lässt ein zustimmendes Grunzen hören, ich trete meinen Nachhauseweg an, durch weite Wälder, über nächtliche Wiesen, über voll befahrene Autobahnen und als ich zu Hause wankend vor meiner Tür stehe und den Schlüssel im Schloss drehe, ist es bereits nach Mitternacht.

XIV

Irgendwo auf irgendeinem Bahnhof in einer namenlosen Stadt stehst du am Bahnsteig und wartest geduldig auf den nächsten Zug. Es ist beinahe Mitternacht, die Kälte lässt die Menschen, die an dir vorbei hasten, frösteln, doch du strahlst eine wohlige Wärme aus. Ein Papierbecher dampt vor dir in deiner Hand, dein langsam schlagendes Herz pumpt Kaffee durch deine Adern, der dich warm hält, dich wachhält, dich unverwundbar macht. So schlenderst du durch die Nacht, nur bewaffnet mit einem leisen Lächeln auf deinen Lippen.