Tropfen

I

Früh morgens wache ich, die Dunkelheit erstickt unbarmherzig jedes kleine Licht, das sich jetzt nach draußen wagt, selbst die Kerze neben meinem Bett hat sich in die hinterste Ecke des Zimmers verkrochen. Trotz der vollkommenen Finsternis und der schwarzen Hände, die gierig ans Fenster patschen, springe ich aus dem Bett, als ob mir jemand meine brennende Kerze unter das Bett gestellt hätte, locke sie behutsam aus der Ecke hervor, ziehe mir frische Sachen an und tapse so leise wie möglich in die Küche um nichts zu wecken.

Die Wanduhr  schnarcht vernehmlich, ein tickendes, hohes Pfeifen, und der Wasserkocher redet im Schlaf, ein Grinsen schleicht sich leise über meine Lippen und fällt vor lauter Vorsicht fast von meinem Mund, in letzter Sekunde packe ich es beim Kragen und setze es auf dem Fensterbrett ab. Dann gehe ich hinüber zur Teekanne und klopfe vorsichtig dreimal an ihren Weißen Bauch, nach einigen Sekunden blinzelt sie mich verschlafen und vollkommen verständnislos an.

Ich brauche nur eine kleine Tasse Tee, flüstere ich. Die Kanne verzieht das Gesicht, ich füge hinzu, ich habe neuen Tee gekauft. Sie schaut mich einen langen Augenblick unbewegt an und ich fühle wie kurz die Zeit gefriert, doch dann seufzt sie ergeben, also gut. - Danach kannst du weiter schlafen, versichere ich. Die zerbrechliche Keramikkonstruktion, die vor mir steht, lässt ein verächtliches Schnauben wie ein ausgewachsener Bulle hören. Jetzt hör mir mal zu, mein Lieber, ich, ja, ich vielleicht, aber der feine Herr Wasserkocher da drüben wird wieder die ganze Küche um ihren zerbrechlichen Verstand fluchen, bevor er sich wieder zu seinem Schönheitsschlaf bequemt - Den hat er auch bitter nötig, denke ich. Oh ja, und ich werde nicht noch einmal tatenlos zusehen, wie diese jungen Tässchen verdorben werden, bloß weil du nicht die Geduld oder die Muße hast, diesem hässlichen Ding die Gnadenstoß zu versetzen! Und sein Gebrabbel im Schlaf ist auch nicht besser! - Ich würde ja einen neuen kaufen, aber was würde dann mit ihm passieren? Irgendwie gehört er ja dazu - Mal wieder kein Geld, was?, fragt die Kanne schnippisch. Ich kenne dieses Geschwafel in und auswendig, von wegen unersetzlich! Selbst dieser Dampfkochtopf war 'unersetzlich', obwohl er wie ein Berg von ungewaschenen Tellern gerochen hat, uralt war und nur gemeckert hat. Blödes faschistisches Stück Altblech. - Der war wirklich schrecklich,* kichere ich. Schrecklich? Schrecklich ist gar kein Ausdruck, ein altes Arschloch war er! - Beruhige dich, flüstere ich, obwohl sich ein Lachen durch meinen Bauch kringelt und streiche behutsam über ihren Henkel, ihr hübsches, vor Aufregung und Wut entstelltes Gesicht entspannt sich. Du hast Recht, seufzt sie. Er ist ja auch nur aus Metall. Hat bestimmt viel gesehen in seinem Leben, auf das niemand stolz wäre.

Ich lächle und mache mich daran, den Wasserkocher und eine kleine Tasse aus ihren Träumen von Porzellan und Edelstahl zu wecken. Die Tasse kichert mit piepsiger Stimme, als ich sie aus dem Schrank nehme, der Wasserkocher grunzt nur einige Male und kocht das Wasser fast im Halbschlaf, ich fülle etwas von dem neuen Tee in ein Sieb, das sich näselnd erkundigt, wo ich in dieser Herrgottsfrühe hinzugehen zu gedenke. Ich hole jemanden vom Bahnhof ab - Gesellschaft!, ruft das Sieb und stößt einen vornehmen Freudenschrei aus, sodass der Tee wild umherhüpft. Ihr müsst wissen, unsereins langweilt sich sehr in Küchen wie dieser, wobei wir nicht von der Landschaft oder gar ihrer ehrenwerten Anwesenheit, sondern eher von den anderen Bewohnern sprechen. Diese ganzen Jung spunde rauben uns bisweilen den letzten Nerv,* sagt das Sieb henkelrümpfend. Dürfen wir die Identität der abzuholenden Person erfahren? - Ich weiß selbst nicht wer es ist. - Geheimnisse! Geheimnisse und Überraschungen! Diese Dinge machen das Leben erst lebenswert!

II

Das Treppenhaus träumt noch, als ich meine Wohnungstür zuziehe und leise wie eine graue Katze die Treppe hinunterschleiche. Die Luft wabert schläfrig durch meine Lungen, während ich mich durch die Stille kämpfe, über das Treppen-Holz tänzele, Schritt für Schritt, Stufe für Stockwerk für Stockwerk. Selbst der Mond ist um diese Zeit nicht wach, liegt zusammengekauert am Rande des Himmels auf ein paar dicken Wolken und murmelt unverständliche Worte.

Als ich auf die dunkle Straße trete, legt sich eine Hülle aus Eis und erwartungsvoller Atemlosigkeit um mich, doch ich verschwinde in einer Seitenstraße, auf dem Weg zum Bahnhof. Mein Weg führt mich gemächlich, mit einer Laterne voraustrottend, durch Gässchen, die ich noch nie betreten habe, Engstellen zwischen Häuserreihen, mit Kopfsteinen gepflastert, kleine Fenster starren von den Obereren Geschossen auf mich herab.

Ich stapfe der schwankenden Leuchte hinterher und denke an dich glaube dich schon jetzt zu kennen, obwohl du erst kurz vor halb elf ankommst, sehe wieder dein langes schwarzes Haar, das dein Gesicht verdeckt, wie du aus dem Zug steigst, als allerletzte, du siehst mich an und plötzlich stehe ich wieder auf den brechenden Wolken, drohe zu versinken, doch dein Blick hält mich über Wasser und du öffnest deinen Mund

Ich falle. In einen Strudel. Aus bunten Farben. Du stehst am Strand. Und blickst auf das Meer. Durch einen Strudel. Aus aberwitzig bunten Farben. Mir den Rücken zukehrend. Obwohl ich schreie. Und falle. In eine Hölle. Aus schwarzem Feuer. Du stehst am Abgrund. Und blickst mich an. Durch die Hölle. Aus krankhaft schöner Schwärze. Und gehst. Obwohl ich schreie. Obwohl ich falle

und sagst: "Steh wieder auf."


Danach irre ich ziellos durch die Stadt, nachdem ich lange Zeit am Boden saß, die Augen starr auf eine Stelle zwischen zwei Steinen gerichtet, bis mir einfällt, dass ich wegen dir die Sicherheit meiner Wohnung verlassen habe und haste um viertel nach zehn durch die belebte Stadt, um deinen Zug nicht zu verpassen.